An alle Analphabeten in Deutschland: Hier lesen!

Am 19. September startete die Kampagne für Analphabeten in Deutschland, die vor allem „enttabuisieren“ und „auf Unterstützungsangebote aufmerksam machen soll. „Lesen und Schreiben – mein Schlüssel zum Erfolg“ heißt die von der Bildungsministerin Annette Schawan unterstützte Informationskampagne. Die Mittel der Wahl laut Pressemitteilung 118/2012 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung: TV-Spots und Großflächenplakate.


Letztere kann man jetzt zumindest in Berlin vor allem an Bushaltestellen hängen sehen. Eines der „eindringlichen Bilder“ sieht so aus:

Analphabeten Kampagne

Bitte lesen!

 

 

 

Eine kleine Bildanalyse:
Weißer Balken oben, Frau zentral im Bild, die einen Schlüssel in den Vordergrund hält. Im Hintergrund sind Lampen und Geräte zu erkennen, die an eine Küche erinnern (Emanzipation?). Schließlich eine Textbox in der „Endlich hab‘ ich es gelernt.“ zu lesen ist. Der Schlüssel ist beschriftet, unten rechts findet sich eine grüne Textbox mit weißer Schrift.
Für einen Analphabeten sieht das Plakat ungefähr so aus:

Analphabeten Kampagne bearbeitet

Zugegeben: Es ist auch gar nicht so einfach, Plakat-Werbung für Analphabeten zu schalten. Aber Text in jeder Form ist doch von Anfang an abschreckend, bzw. ist die Grundlegende Einstiegshürde. Also sollten die Bilder nicht „eindringlich“ sondern vielmehr selbsterklärend sein. Auch Symbole könnten helfen.
Sicherlich kann die Kampagne es leisten, auf das Problem Analphabeten in Deutschland aufmerksam zu machen und vielleicht erzählen auch einige Bekannte von Analphabeten den Betroffenen von der Kampagne. Ein bekanntes Problem der Analphabeten ist aber, dass sie ihr Problem verschweigen. Diesen Menschen können auch Bekannte, oftmals nicht einmal enge Freunde oder Arbeitskollegen helfen.

Sollte man es dann (wie auch immer) auf die Website www.mein-schluessel-zur-welt.de schaffen, erwartet den geneigten Analphabeten, eine Galerie Fotos mit freudig lächelnden Menschen, auf denen eine Textbox und eine Textleiste am oberen Bildschrimrand zu den verlinkten Informationen führt.

Startseite Schlüssel zur Welt

Ausschnitt der Startseite zu mein-schluessel-zur-welt.de

Noch ne Chance vertan. Konsequent immerhin: Der Text ist nicht klickbar, sondern nur die Bilder.

Auf der Website und auch in der Pressemitteilung wird immer wieder betont, dass nicht primäre sondern funktionale Analphabeten angesprochen werden sollen (hierzu empfehle ich Fragen und Antworten, unbedingt auch mal vorlesen lassen. Die Aussprache von Analphabetismus ist großartig). Diese können einige Wörter zwar lesen und verstehen, haben aber Probleme mit längeren Texten. Ich glaube aber, dass diese Personen Text von vornherein meiden, weshalb sich das Problem wohl auch entwickelt. Eine weitgehend textfreie Website wäre also besser und technisch bestimmt auch möglich gewesen.

Eine Anmerkung zu der gut gemeinten Vorlesefunktion: So viel Text ist das nicht. Da hätte man doch bestimmt mal einen Tag einen professionellen Sprecher in ein Tonstudio setzen können, damit sich das ganze dann natürlich anhört. Bei dem statischen Gesabbel fällt es nämlich schon schwer auch nur einem kürzerem Text zu folgen.

Am einfachsten kann man dem Problem aus dem Weg gehen, wenn man konsequent auf TV und Radio-Werbung setzt. Hier kann gesprochen werden – ein Sinneskanal den jeder Analphabet versteht. Ach so: Für die Radiospots bitte nicht wieder Bots von Readspeaker schalten, sondern jemanden engagieren, der „Analphabeten in Deutschland“ auch richtig aussprechen kann.

 

Dieser Text erscheint im Rahmen meines Medien– und Werbebashings.

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